Pflegekräfte und Ärzte möchten Patienten immer bestmöglich helfen. Manchmal kommt die kurativ ausgerichtete Medizin dabei an ihre Grenzen und es stellt sich die Frage, ob ein Patient das ursprünglich überlegte Therapieziel erreichen kann – oder eine andere Ausrichtung der Zielsetzung sinnvoll wäre. Um diese und weitere Fragestellungen möglichst frühzeitig zu erörtern, findet jeden Donnerstag eine Ethikvisite für Patienten der Intensiv- und Normalstation statt. Im Interview erklärt Ethikberaterin Sandra Bornkessel ihre Aufgabe in diesem Kontext.
Welche Aufgabe haben Sie als Ethikberaterin?
Bornkessel: Als Ethikberaterin moderiere ich regelmäßig sogenannte Ethikvisiten und im Bedarfsfall ethische Fallbesprechungen. In dieser Rolle fungiere ich als neutrale Person, die für alle Beteiligten beratend zu Seite steht und dem Gespräch eine Struktur gibt. Ein wichtiger Aspekt der Weiterbildung zur Ethikberaterin ist deshalb die Gesprächsführung. Zusammen mit meinen anderen Qualifikationen habe ich mir einen Fokus gebildet, um unsere Patienten bestmöglich versorgen zu können.
Was kann man sich unter einer Ethikvisite vorstellen?
Bornkessel: Meine Ethikvisiten biete ich einmal in der Woche an. Es ist eine Möglichkeit, den Patienten in seiner aktuellen Situation gesondert zu besprechen. Ich bekomme bei Dienstbeginn im Rahmen der Übergabe alle wichtigen Informationen über unsere Patienten auf der Intensivstation. Dabei versuche ich direkt einzuschätzen, ob bei einem Patienten Gesprächsbedarf über die weitere Behandlung besteht oder in Kürze bestehen könnte und frage auch bei meinen pflegerischen und ärztlichen Kollegen nach, ob mein Eindruck stimmt oder ob sie ggf. über einen Patienten sprechen möchten.
Wann besteht denn Gesprächsbedarf?
Bornkessel: Eine Ethikvisite soll vor allem präventiv wirken und einen möglichen Dissens zwischen den Beteiligten vermeiden. Alle möchten dem Patienten bestmöglich helfen, dabei kann es aber durchaus unterschiedliche Auffassungen von „Helfen“ geben.
Wer sind die Beteiligten einer Ethikvisite?
Bornkessel: Es sind in der Regel der Patient, die behandelten Ärzte und betreuenden Pflegefachkräfte, aber auch die Angehörigen können an der Ethikvisite teilnehmen, denn auch sie haben mitunter eine andere Sichtweise. Meine Aufgabe ist es aber immer, einen bestmöglichen Konsens für den Patienten und alle an der Therapie Beteiligten zu finden.
Wie wird der Patient mit eingebunden?
Bornkessel: Zur Vorbereitung der Ethikvisite gehört, dass ich mir ein Bild von der Patientensituation am Bett mache. Schwerpunkt ist die Patientenautonomie, Kommunikationsfähigkeit/Bewusstseinslage und Symptomlast des Patienten. Es hängt davon ab, ob der Patient ansprechbar ist und sich zu seiner Situation äußern kann. Bei einem sedierten Beatmungspatienten muss ich zur Informationssammlung andere Möglichkeiten nutzen.
Einige Patienten haben wahrscheinlich mitunter eine ganz klare Meinung zu ihrer Situation und möglicherweise eine andere Sicht als die Angehörigen?
Bornkessel: Richtig. Diese Patienten frage ich dann auch, wie es ihnen mit der Situation geht und was ich für sie tun kann.
Ein Austausch über den Zustand des Patienten findet ja im Stationsalltag immer statt. Was ist das Besondere an der Ethikvisite?
Bornkessel: Alle Beteiligten nehmen sich gleichzeitig die Zeit, um die Situation des Patienten von allen Seiten zu beleuchten. Alle sind dabei auf einer Gesprächsebene. Der Chef- oder Oberarzt genauso wie die Pflegefachkraft oder auch die Angehörigen haben die Möglichkeit, Informationen und Eindrücke zu formulieren oder auch Fragen zu stellen.
Wie genau läuft so ein Gespräch mit den verschiedenen Beteiligten ab?
Bornkessel: Durch das Gespräch führe ich als Ethikberaterin anhand eines von mir entworfenen Visitenbogens, der die Struktur vorgibt. Es werden noch einmal alle Vorerkrankungen des Patienten genannt und besprochen und warum er sich bei uns in Behandlung befindet. Diagnostik, erfolgte Therapie und der aktuelle Zustand des Patienten werden besprochen. Dann werden ggf. unterschiedliche Therapiemöglichkeiten gegeneinander abgewogen. Dies erfolgt prinzipienorientiert: Im Sinne des Patientenwillen, nach Wohl- und Nutzenabwägung, Schadensvermeidung (Leidensminderung) und Gerechtigkeit. Das bedeutet z.B. eine vielleicht schmerzhafte Behandlung durchzuführen, die dem Patienten aber langfristig hilft oder eben eine unangenehme Behandlung zu vermeiden, wenn wenig Aussicht auf Erfolg besteht. Grundsätzlich sind aber alle Therapieziele offen, das Ergebnis der Ethikvisite ist nicht zwangsläufig eine palliative Begleitung.
Der Begriff Ethik kann sehr unterschiedlich verstanden und ausgelegt werden. Nach welchen Kriterien wird eine Entscheidung getroffen?
Bornkessel: Wenn der Patient keine eigene Entscheidung treffen kann, muss in seinem Sinne bestmöglich entschieden werden. Das geht über die Angaben Dritter wie Familie oder andere ihm nahestehende Personen. Im Idealfall gibt es eine klar formulierte Patientenverfügung. Viele Menschen haben diese jedoch nicht. Dann müssen mit allen anderen vorliegenden Informationen die prinzipienorientierten Möglichkeiten
abgewogen und medizinisch umgesetzt werden.
Muss die Entscheidung einstimmig sein? Wer hat das letzte Wort?
Bornkessel: Der Arzt trifft letztendlich die Entscheidung. Das hat auch einen rechtlichen Hintergrund. Alles andere ist eine Hilfestellung. Es gibt aber z.B. häufig Unsicherheit darüber, ob man Therapien einschränken oder abbrechen darf. Das geht, wenn deutlich ist, dass ein Patient von einer Therapie nicht mehr profitiert oder der Patient diesen Wunsch formuliert hat. In diesem Fall wird die Therapiezielausrichtung geändert und in ein palliatives Setting gewechselt.
Wie gehen Sie mit Ihrer eigenen Meinung um?
Bornkessel: Meine persönliche Meinung muss ich in der Ethikvisite zurückstellen, aber ich kann natürlich mit meiner Erfahrung und meinem fachlichen Wissen auch Möglichkeiten und Optionen aufzeigen, was hilfreich sein kann.
Wie lief das Ganze vorher? Die Fragestellungen gab es ja schon immer.
Bornkessel: Der Anstoß für die Ethikvisite war das Problem der Kommunikation. Ärztliche Visiten laufen häufig unabhängig von der Arbeit des Pflegepersonals. Dann ist es für die Pflege manchmal schwierig nachzuvollziehen, warum der Arzt eine bestimmte Therapie angesetzt hat. Durch die Ethikvisite haben alle den gleichen Informationsstand über den Patienten. Das macht die Therapie transparent und nachvollziehbar. Außerdem erleichtert eine wöchentliche Evaluation der Patientensituation im Rahmen der Ethikvisite eine Entscheidungsfindung in eine ggf. geänderte Therapiezielausrichtung.
Wie ist die bisherige Resonanz?
Bornkessel: Sehr positiv. Es gibt eine große Bereitschaft zur Teilnahme bei Ärzten und Pflege auf der Intensivstation und auch auf den Normalstationen habe ich schon einige Ethikvisiten durchgeführt. Die Angehörigen sind ebenfalls sehr dankbar dafür, dass man sich nochmals in einem gesonderten Rahmen mit der Situation ihres Angehörigen befasst.
Sandra Bornkessel ist gelernte Gesundheits- und Krankenpflegerin und arbeitete zwölf Jahre auf der Intensivstation im Marienkrankenhaus in Bergisch Gladbach. Im Jahr 2016 wechselte sie zum Evangelischen
Krankenhaus, arbeitete hier zunächst auf Normalstation und schließlich auf der Intensivstation. Zwischenzeitlich war sie zwei Jahre in der häuslichen Pflege in der Palliativversorgung tätig. Sie verfügt über Weiterbildungen für Intensivpflege und Anästhesie sowie Wundmanagement und Palliative Care. Im April 2022 schloss sie erfolgreich die Weiterbildung zur Ethikberaterin ab.
Das Gespräch führte Daniel Beer

